Too-big-to-fail. Die Zweite Chance, der UBS politische Bedingungen zu stellen
Ursula Wyss an der Medienkonferenz
der SP Schweiz vom 5. Februar 2010
Die Schweiz ist heute immer noch in Geiselhaft der Grossbanken.
Die UBS ist mitverantwortlich für die Konjunkturkrise, welche die
Schweizer Realwirtschaft seit einem Jahr im Griff hat. Bereits
dreimal musste der Staat die UBS mit Unmengen Geld und Zeit vor dem
Fast-Untergang retten (1. 68 Milliarden-Rettung, 2. Datenherausgabe
durch FINMA, 3. Staatsvertrag USA-CH). Die Dauerrechtefertigung: Die
Grösse der Bank. Und bald schon könnte – mit einer nachträglichen
Genehmigung des Staatsvertrages mit den USA im Parlament – Rettung
Nummer vier erfolgen. Spätestens jetzt müsste klar sein, dass die
Grösse der Banken ein grundlegendes Problem ist und dass für die
Zukunft die Lehren gezogen werden müssen.
Bei der ersten UBS-Rettung vor knapp eineinhalb Jahren, stellte
die SP Bedingungen für unsere Zustimmung zur 68 Milliarden-Stütze:
1. Die Eigenmittelvorschriften werden so angepasst, dass die
Grossbanken sich in Zukunft selber retten können.
2. Keine Boni solange die Bank vom Staat abhängig ist.
Der Verlauf der Geschehnisse ist bekannt. Die UBS wurde für eine
historisch einmalig hohe Summe vom Staat unterstützt, politische
Rahmenbedingungen und Konditionen hat man keine gestellt. Im
Gegenteil. Seither hätten die bürgerlichen Politiker/innen
wiederholt die Möglichkeit gehabt, die Abhängigkeit der Schweizer
Wirtschaft von den Grossbanken zu reduzieren, indem sie die
Anforderungen an die Eigenkapitalvorschriften verschärft hätten.
Mit zwei Grossbanken deren Bilanzsummen je ein Mehrfaches des
nationalen Bruttoinlandprodukts ausmachen, ist die Schweiz ein
Sonderfall. Doch auch in anderen Staaten, wo das Übergewicht
einzelner Finanzinstitute nicht so schwer auf der Volkswirtschaft
lastet, ist „Too big to fail“ durch die Finanzkrise ein
entscheidendes Thema geworden. So geht international die Entwicklung
in dieselbe Richtung: Die Ankündigung von Barack Obama, die Grösse
der Banken zu beschränken, hat europaweit Bewegung in die Diskussion
gebracht. England, Frankreich, Deutschland, Schweden, Niederlande
reagierten positiv. Die G20 wird sich an einem ausserordentlichen
Finanzgipfel im Frühling in Berlin ebenfalls damit befassen. Die
Schweiz wird um diese Diskussionen nicht herum kommen: Wenn die USA
und Europa die Bankengrösse zum Thema machen, dann wird der Druck
auf die Schweiz zwangsläufig steigen – und das in unserem ureigenen
Interesse.
Reflexartige Abwehrhaltungen des Finanzministers, wie wir sie in
den letzten Monaten nicht nur bei diesem Thema, sondern auch bei der
Steuerfluchtgeld-Problematik erlebt haben, bringen die Schweiz in
arge Bedrängnis. Was die Banken als gut für sich selbst erachten,
ist keineswegs auch im Interesse der gesamten Wirtschaft. Und im
Fall des lange verherrlichten Gigantismus der Finanzbranche hat sich
ja gezeigt, dass schiere Grösse für alle zur Last wird.
Dank dem Druck der SNB hat die Schweiz in einem ersten Schritt
reagiert und die Eigenmittelanforderungen der Grossbanken
verschärft. Doch diese Anforderungen der FINMA reichen nicht. Darum
ist auch in der Schweiz die Einführung einer Sondersteuer, einer Art
Stabilisierungsbeitrag, sinnvoll. Für eine solche Steuer auf der
Bilanzsumme spricht, dass die Banken damit ein Interesse haben, ihre
Bilanzen und so ihre Risiken zu verkleinern. (Ein solcher Schritt
muss aber von einem klaren Verbot von ausserbilanzlichen Geschäften
begleitet werden. Denn sonst kürzen die Banken zwar ihre Bilanzen,
ohne dass sie ihre Risiken verkleinern.)
Doch die bürgerlichen Politiker hatten nicht nur bei der
Bankengrösse, sondern auch zu den Boni bereits mehrmals die
Möglichkeit, Grenzen zu setzen. Insbesondere bei der UBS, wo die
Steuerzahler/innen bis heute mit über 20 Milliarden Franken für
toxische Papiere haften. Stattdessen haben sie auf Selbstregulierung
gesetzt. Der politische Aufschrei ist darum gross, weil gemäss
Medienberichten auch für das Geschäftsjahr 2009 mit4 Milliarden
Franken Verlust weiterhin 3 Milliarden Franken Boni ausgeschüttet
werden sollen. Mehr werden wir nächsten Dienstag wissen.
So haben die bürgerlichen Parteien es verpasst, der Politik auch
Instrumente zur Verfügung zu stellen, solch unverschämtes
Banker-Verhalten zu verhindern. Die Politik, welche notabene die
Bank ein Jahr zuvor vor dem Untergang gerettet hatte, sass
handlungsunfähig auf den Zuschauerrängen.
Die SP setzt darauf, dass die Empörung und Einsicht der
bürgerlichen Politiker/innen nicht nur verbal laut zu vernehmen
sind, sondern dass CVP, FDP und SVP nun endlich bereit sind, die
politischen Konsequenzen zu ziehen. Mit dem Staatsvertrag zwischen
den USA und der Schweiz hat das Parlament eine zweite Chance. Die SP
reicht darum zwei konkrete Vorstösse ein, die wir als Bedingung für
unsere Unterstützung des US-schweizerischen Staatsvertrags
verknüpfen.
Und langfristig muss die Frage der Grösse der Banken
grundsätzlich angegangen werden. Dabei steht insbesondere die
Abspaltung des Investmentbanking von den anderen Bankgeschäften im
Vordergrund. Eine solche Reorganisation kann nicht über Nacht
erfolgen, aber sie muss kommen. Der Bundesrat hat bisher auf Zeit
gespielt. Mittlerweile ist eine Expertenkommission eingesetzt. Diese
besteht aber mehrheitlich aus Vertretern des Finanzplatzes und ihr
nahestehenden Personen. Die SP Fraktion setzt darum auf eine eigene
unabhängige Studie. |