«Über weite Strecken war’s Krisenmanagement»
Ursula Wyss
in Links.ch Dezember 2009
Die Hälfte der laufenden Legislatur ist vorbei. Gelegenheit für
einen Rück- und Ausblick mit Nationalrätin und Fraktions-Präsidentin
Ursula Wyss. Interview: Stefan Krattiger
Wenn du zurückschaust, alles in allem, bist du zufrieden mit den
vergangenen zwei Jahren?
Es waren sicher zwei schwierige Jahre. Wir haben eine gigantische
Finanzkrise erlebt und damit verbunden eine Wirtschaftskrise, die
zur höchsten Arbeitslosigkeit seit Mitte der 90er Jahre führte. Das
war auch für das Parlament eine enorme Herausforderung.
Wurde das Parlament überrumpelt?
Die SP hatte schon beim Festlegen der Legislaturziele mit einer
schwierigen Konjunktur und steigender Arbeitslosigkeit gerechnet.
Deshalb haben wir auch den Fokus auf die Sozial- und
Wirtschaftspolitik gelegt. Dass es so krass werden würde, hatten
aber auch wir nicht befürchtet. Die Fraktion hat jedoch rasch und
gut reagiert und alternative Konzepte präsentiert. Wir haben auf
Konjunkturmassnahmen gedrängt…
…aber der Bundesrat hat gezögert?
In unseren Augen hat der Bundesrat bis heute zu wenig gemacht. Dank
dem Druck der SP haben wir aber immerhin drei Konjunkturpakete
durchsetzen können, die Arbeitsplätze und Kaufkraft erhalten. Zum
Beispiel konnten wir via CO2-Rückerstattung über 600 Millionen
Franken direkt an die Bevölkerung zurückgeben. Das sind wichtige
Massnahmen zur Stützung der Konjunktur.
Die drei Schwerpunktthemen – Sozialpolitik, Kaufkraft und
Erneuerbare Energie – haben sich also bewährt?
Ja, das sind nach wie vor die absolut richtigen Themen. Die Fraktion
sieht zusätzlich auch das Verhältnis zur EU ganz oben auf der
Prioritätenliste. Das waren die zentralen Themen, die uns in den
vergangenen Jahren beschäftigt haben – und sie werden es auch in den
kommenden zwei Jahren zweifelsohne bleiben.
Abseits der konkreten Ziele: Was sagst du zum Vorwurf, dass die
SP die Krise kaum als Chance für sich zu nutzen vermochte?
Fakt ist: Dank den ergriffenen Massnahmen konnte der Anstieg der
Arbeitslosigkeit in Grenzen gehalten werden. Dasselbe gilt für den
Einbruch der Kaufkraft. Dank der SP konnte verhindert werden, dass
die Krise der Weltwirtschaft auch bei uns voll durchschlägt. Wir
haben damit sachpolitisch wichtige Pflöcke eingeschlagen. Wann sich
dies auch bei Wahlen auszahlen wird, wird die Zukunft zeigen.
Oftmals muss man etwas warten bis die Saat guter Arbeit aufgeht.
Die ergriffenen Massnahmen waren also die richtigen?
Dank dem grossen Druck, den wir aufgebaut haben, konnten die
Konjunkturpakete durchgesetzt werden. Der Bundesrat hätte sicher
rascher reagieren und mehr tun können. In die Infrastruktur beim
öffentlichen Verkehr, bei den Gebäudesanierungen oder der Förderung
der erneuerbaren Energien hätte man mehr investieren sollen. Im
Hinblick auf die für Schweizer Verhältnisse hohe Arbeitslosigkeit
wurden vor allem Weiterbildungsmassnahmen zuwenig gewichtet.
Und welches Zeugnis erhält Bundesrätin Doris Leuthard?
Ihr ist zunehmend klar geworden, dass ihre ursprünglichen Analysen
falsch waren. Noch im Herbst 2008 erkannte sie «Null Indizien für
eine Rezession». Sie hat diese absolute Fehleinschätzung im Verlauf
der Krise zwar etwas korrigieren können, doch die politischen
Massnahmen kamen erst auf massiven Druck von uns zustande.
Was war dein persönlicher Höhepunkt der letzten zwei Jahre? Was
hat dich am meisten gefreut?
Über weite Strecken waren die beiden Jahre von Krisenmanagement
geprägt. Dennoch haben wir in der Energie- und Umweltpolitik
wichtige Fortschritte erzielt. Soviel wie in den letzten zwei
Jahren, haben wir zuvor wohl noch nie durchgebracht. Von der
Einspeisevergütung (KEV), die erneuerbare Energien massiv
voranbringen wird, durften wir früher bloss träumen, ausserdem haben
wir eine zweckgebundene CO2-Abgabe, die für Gebäudesanierungen
eingesetzt wird durchgebracht. Bis vor kurzem wurden dagegen
verfassungsrechtliche Argumente vorgebracht. Das waren Höhepunkte –
aber natürlich müssten auch in diesem Bereich mutigere und weiter
gehende Massnahmen eingeleitet werden.
Wichtige Schritte vorwärts bei den Erneuerbaren und bei der
Kaufkraft, eine Abwehrschlacht bei der Sozialpolitik?
So ist es tendenziell gelaufen. Dabei müsste man in der Krise
eigentlich erst recht die automatischen Konjunktur-Stabilisatoren,
also die Sozialwerke, stärken. Das hat die bürgerliche Mehrheit
konsequent verweigert. Insbesondere bei der
Arbeitslosenversicherung. Dort müssen wir einen Verteidigungskampf
führen, um Schlimmeres zu vermeiden. Das jüngste Sorgenbarometer
zeigt, dass Arbeitslosigkeit die Sorge Nummer Eins ist. Das
verpflichtet auch die Politik.
Das Referendum ist also unausweichlich?
Jetzt hat der Nationalrat nochmals nachgedoppelt, jetzt betreffen
die massiven Verschlechterungen nicht mehr ausschliesslich die
Jungen, sondern alle. Wenn die Vorlage so bleibt, wie sie jetzt ist,
dann ist das Referendum tatsächlich unausweichlich. Die Schweiz hat
einen flexiblen Arbeitsmarkt. Das Gegenstück dazu muss eine starke
Arbeitslosenversicherung sein.
Was hat dich am meisten enttäuscht?
Für mich war der UBS-Deal ein Tiefpunkt. Angesichts des gewaltigen
Risikos, das den Steuerzahlenden aufgebürdet wurde, war das Vorgehen
des Bundesrats ohne Einbezug des Parlaments inakzeptabel. Inhaltlich
gilt dasselbe. Die UBS hatte in den USA kriminell gewirtschaftet,
war mitverantwortlich für die weltweite Finanzmarktkrise – und wurde
dann vom Bundesrat ohne jede Konsequenz mit über 60 Milliarden
gerettet. Eigentlich wäre dies der Zeitpunkt gewesen, an dem endlich
wieder die Politik die Rahmenbedingungen für eine gerechte
Wirtschaftsordnung hätte setzen müssen. Viele haben damals erwartet,
dass jetzt ein Ruck durch die Gesellschaft gehen würde und gewisse
Missstände korrigiert würden. Diese Hoffnung hatte auch ich. Dass
man schliesslich kaum etwas aus der Krise gelernt hat, das
enttäuscht mich sehr. Mindestens die Lohnentwicklungen, aber auch
die weiterhin bestehenden Systemrisiken bei den beiden Grossbanken
hätten korrigiert werden müssen.
Was hätten wir lernen können?
Unter anderem, dass die Finanzmarktkrise die aussenpolitisch heikle
Lage der Schweiz noch verschlimmert hat. Wir sind Profiteure von
Steuerflucht und wir sind Aussenstehende ohne eine starke Macht wie
die EU im Rücken. Wir sind nirgends dabei. Zumindest in der EU
müssten wir mitentscheiden können, statt immer alles ungeschaut zu
kopieren.
Wie wichtig ist der Lissabon-Vertrag?
Für die neue EU mit 27 Mitgliedstaaten sind diese Reformen
unheimlich wichtig. Für uns werden die Verhandlungen jetzt aber
dadurch noch schwieriger. Alle nationalen Parlamente sind jetzt auch
in die Entscheidungsfindung eingebunden – das erschwert die
Verhandlungen künftiger bilateraler Verträge massiv.
Und das Ja zur Minarett-Initiative? Welche Lehren müssen wir
daraus ziehen?
Im Parlament fand kaum eine Auseinandersetzung dazu statt. Die
meisten nahmen die Initiative nicht ernst, weil sie keine Probleme
löst und rein auf der symbolischen Ebene funktioniert. Gegner und
Befürworter haben die Bedeutung dieser Initiative unterschätzt.
Hinterher ist die Schlussfolgerung klar: Wir dürfen nicht in
populistische Symbolpolitik verfallen. Wir müssen im Bereich der
Integration wirkliche Lösungen präsentieren, wir müssen dort, wo
reale Probleme im Zusammenleben zwischen Schweizern und Ausländern
existieren, Lösungen präsentieren und nicht weg schauen. Wenn auch
CVP und FDP diese Schlussfolgerung ziehen, dann sind wir einen
Schritt weitergekommen. Gerade die FDP muss aber auch verstehen,
dass Integrationsmassnahmen etwas kosten.
Viele wollten ein Zeichen setzen. Ist das angekommen?
Die Politik ist verpflichtet dazu, solche Zeichen ernst zu nehmen!
Wenn 57 Prozent der Abstimmenden einem solchen Anliegen zustimmen,
dann muss der Unmut über gewisse Entwicklungen wirklich gross sein.
Denn höchstens ein Drittel der Stimmbevölkerung hat tief sitzende
Fremdenängste, der Rest hat aus anderen Gründen der
Anti-Minarett-Initiative zugestimmt. Die Bedeutung der
Integrationspolitik spielt dabei eine wichtige Rolle.
Es sind also nicht zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer
fremdenfeindlich?
Nein, sicher nicht. Wir wissen ja von anderen Abstimmungen, dass
höchstens rund ein Drittel fremdenfeindlich motiviert abstimmt. In
diesem Fall war aber der Ja-Stimmenanteil deutlich grösser und diese
Leute haben damit etwas anderes zum Ausdruck bringen wollen. Fragen
der Ausländerpolitik und der Integration sind das eine, die
Auseinandersetzung mit dem Islam und dem Islamismus das andere.
Deshalb hat sich die Fraktion ja auch damit befasst. Das ist keine
einfache Aufgabe - aber sie muss getan werden.
Werden unsere Lösungen nicht zuwenig wahrgenommen?
Es ist einfacher und medienwirksamer Probleme lauthals zu benennen,
als lösungsorientiert an die Sache heranzugehen. Das gibt nicht die
fetten Schlagzeilen. Aber: Toleranz und Offenheit haben auch
Bedingungen und stossen an Grenzen. Es gibt Dinge, die wir nicht
akzeptieren dürfen. Wir wollen keine Unterdrückung im Namen egal
welcher Religion, wir wollen, dass alle Kinder am Unterricht und an
Schullagern teilnehmen können, dass sie nicht aufgrund religiöser
Vorwände ausgegrenzt werden. Es gibt Regeln, die wir an alle
stellen, die in diesem Land leben.
Vom Rück- zum Ausblick: Wie geht’s weiter?
Unsere Schwerpunkte sind weiterhin topaktuell: 2010 wird ein durch
und durch sozialpolitisch geprägtes Jahr. Die Auseinandersetzung um
die Definition unserer Sozialwerke wird noch härter werden. Im März
haben wir die Abstimmung über die Senkung des Umwandlungssatzes bei
der beruflichen Vorsorge. Das würde gerade den Mittelstand
dramatisch treffen. Das Gleiche bei der Arbeitslosenversicherung. Da
können wir nichts anderes tun, als die Leistungen verteidigen und
auf Weiterbildung setzen. Bei der AHV wollen wir einen zeitgemässen
Umbau, nicht aber einen Abbau ausschliesslich auf Kosten der
Erhöhung des Frauenrentenalters. Stattdessen muss dieses mit einer
Flexibilisierung gekoppelt werden. Zudem kämpfen wir für ein
gerechteres Steuersystem. Unsere Initiative dazu wird im Herbst 2010
zur Abstimmung kommen. Gleichzeitig wird der Bundesrat seine neuste
Sparkampagne präsentieren. Hier wird eine grosse Auseinandersetzung
über die Handlungsfähigkeit des Staates stattfinden.
Aber nicht nur sozialpolitisch steht uns einiges bevor. Die
Herausforderung nach dieser Wirtschaftskrise wird stark auch bei der
Schaffung von neuen Arbeitsplätzen liegen. Wir wollen dafür
Investitionen in erneuerbare Energien fördern. Das schafft
technologische Innovation, schützt das Klima und bringt der Schweiz
eine wichtige, aber in der Vergangenheit vernachlässigte
Wirtschaftsbranche. |